Der Flugwettbewerb von 1912  

Die eigenartigste Flugveranstaltung des Jahres 1912 war der Wettflug »Rund um Berlin«. Man hatte einen alten Plan des Berliner Vereins für Luftschiffahrt, des Kaiserlichen Automobil- und des Kaiserlichen Aero-Clubs, alljährlich einen großen deutschen Rundflug zu veranstalten, fallen lassen und statt dessen diesen Wettflug ausgeschrieben.

Denn es hatte sich gezeigt, dass das Publikum den großen Überlandflügen kein allzu großes Interesse mehr entgegenbrachte, da es stets nur den Abflug mit ansehen konnte und dann tagelang warten musste, bis die Flieger zurückkehrten, was wiederum zumeist nicht am gleichen Tag der Fall war. Dieser Wettflug gab dem Publikum zum ersten Mal Gelegenheit, einen spannenden Endkampf in den Lüften zu erleben.  

Die Flieger hatten bei jeder Runde eine Strecke von 101 Kilometern zurückzulegen. Der Kurs führte vom Flugplatz Berlin-Johannistal über Lindenberg im Nordosten Berlins, von dort aus südwärts nach Spandau, nach Potsdam und dann in östlicher Richtung über das Flugfeld Teltow wieder nach Berlin-Johannistal zurück. Der Rundkurs musste am 31. August einmal und am 1. September zweimal zurückgelegt werden.

Schon am ersten Tag strömten die Berliner gleich nach dem Mittagessen zu Zehntausenden nach Berlin-Johannistal hinaus. Die Stehplätze wie die Tribünenplätze am Flugplatz waren bald voll besetzt. Dabei ist das Wetter nicht einmal sehr einladend: Es ist regnerisch und der Wind ist böig. Dennoch machten sich die Piloten startfertig und flogen zunächst einige Proberunden. Von 16 gemeldeten Fliegern starten elf. Es sind Krüger, Baierlein, Caspar, Hirth, R. Schmidt, A. Hartmann, Faller, Stiploscheck, Krieger, Boutard und Mohns.

Bei böigem Wind und leichtem Regen startete als ester Boutard auf einer Melli-Beese-Taube. Ihm folgten Caspar auf einem Rumpler-Eindecker und Krieger auf einem Harlan-Eindecker und dann in kurzen Abständen die anderen.Boutard landetmit gebrochenem Propeller und Steuerhebel kurz vor Lindberg. Hirth, der beim Abflug vom Publikum jubelnd begrüßt worden war, muss wegen eines Motorschadens bei Machnow in den Rieselfeldern notlanden, nachdem er Lindenberg passiert hatte.

Nur drei der elf gestarten Flieger bewältigen den Rundkurs am Sonnabend: Leutnant a. D. Ernst Krüger, gebürtiger Berliner, auf Harlan-Eindecker in 1 Stunde und 21 Minuten, Anton Baierlein aus München, der erst am 7. Mai 1912 den Flugzeugführerschein gemacht hatte, auf Ago-Doppeldecker sowie Carl Caspar auf Rumpler-Taube.

Am 1. September erlebt das Publikum das aufregende Ereignis eines zweimaligen Starts und einer zweimaligen Landung. Selten ist der Flugplatz Berlin- Johannistal so gut besucht gewesen. »Eitel Sonne, Tausende von Zuschauern und ein Sport von überragender Güte«, so schilderte eine Tageszeitung diesen zweiten Tag des Wettfluges »Rund um Berlin«. Gestartet wird am Nachmittag um 15.30 Uhr. Acht Piloten sind noch im Wettbewerb, auch Hirth, der in den frühen Morgenstunden die am Sonnabend unterbrochene Runde vollendet hat. Hirth startet als dritter nach Krüger und Baierlein, und er ist seinen Mitbewerbern an Schnelligkeit deutlich überlegen. Mit der Rumpler-Renntaube durchfegt er den Rundkurs in 52 Minuten, benötigt beim zweiten Mal sogar nur 51 Minuten. Er ist wieder der Held des Tages, doch reicht es im Gesamtergebnis für ihn nur zum 4. Platz.

Den Wettbewerb »Rund um Berlin« gewann Ernst Krüger (Harlan-Eindecker, Flugpreis: 26 836 Mark) vor Anton Baierlein (Otto-Zweidecker, Flugpreis 18 810 Mark) und Karl Caspar (Rumpler-Taube, Flugpreis: 8 613 Mark).

Bernd Stasche

Letzte Bearbeitung am 04.07.2005 durch